Mit der Übernahme von Edipresse ist das Tamedia-Land massiv gewachsen. Der Zürcher Verlag ist in die Westschweiz vorgestossen. Der Medienwissenschafter Roger Blum über die Ballung der Besitzverhältnisse und kulturelle Unterschiede. Interview von Christian Campiche und Philipp Cueni
EDITO: Der Verkauf von Edipresse an Tamedia könnte in der Westschweiz als Kolonialisierung durch Zürich interpretiert werden. Doch ein Protest war aber kaum wahrzunehmen. Roger Blum: Die Romands wünschen sich gewiss nicht, dass Zürich in der Westschweiz den Ton angibt. Aber sie möchten sich auch Bundesbern vom Leib halten oder Frankreich: Statt Hersant oder Lagardère dann doch noch lieber Tamedia als dominierenden Verlag. Auch wenn Frankreich in der Westschweiz kulturell als Vorbild gilt, möchten die Romands nicht von Franzosen dirigiert und regiert werden. Da ist Zürich das kleinere Übel. Und: Die Romands verlieren zunächst nichts. Ihre Medien bleiben ihnen erhalten (abgesehen von der Gratiszeitung „Le Matin bleu”). Faktisch aber stimmt dennoch: Zürich dominiert im schweizerischen Mediensystem immer mehr. Von Zürcher Medienhäusern hängen die Westschweiz, die Ostschweiz, die Innerschweiz und Bern ab. Das ist eine ökonomisch einsehbare, aber politisch und kulturell keine gute Entwicklung in einem föderalistischen Land.
Was hat den Ausschlag gegeben, dass Edipresse an Tamedia verkauft hat? Das weiss ich nicht, das müsste man die Betroffenen fragen. Man hätte sich ja auch Ringier als Käufer vorstellen können. Ich vermute, dass gewisse Gemeinsamkeiten den Ausschlag gaben. Tamedia gibt wie Edipresse mehrere Regionalzeitungen heraus. Beide besitzen die jeweils grössten abonnierten klassischen Tageszeitungen im Grossraum Zürich („Tages-Anzeiger”) sowie in Genf („Tribune de Genève”) und in der Waadt („24 heures”). Da sind auch Werbesynergien möglich. Beide geben die führenden Gratiszeitungen heraus. Ob die Übernahme von Edipresse durch Tamedia für die Westschweiz gut oder schlecht ist, wird von personellen Fragen abhängen. Tamedia wird gut beraten sein, für die Schlüsselfunktionen von Edipresse Romands zu berufen. Es gilt die Mentalität und die regionalen Interessen zu respektieren.
Wie das Ringier gemacht hat. Genau. Tamedia muss garantieren, dass die Inhalte der Westschweizer Medien durch Romands bestimmt werden. Der Journalismus der Westschweiz ist zwar kein Abklatsch des französischen, aber er unterscheidet sich vom Deutschschweizer Journalismus. Boulevardzeitungen beispielsweise orientieren sich in der Deutschschweiz an Modellen aus Deutschland oder Österreich, in der Westschweiz sind sie diskreter. Wenn Tamedia nun ein landesweites Unternehmen wird, kann nicht nur in Zürich entschieden werden, was in diesem Konzern geschieht. Diese Sorge gilt nicht nur für die Westschweiz, sondern auch für Bern. Ich denke, dass die Berner in der grossen Tamedia die Verbündeten der Westschweizer sein werden.
Gemäss ihrer Logik würde die Zürcher Tamedia umgekehrt mit der Zeit auch etwas „verwestschweizert”. Das ist nicht ausgeschlossen. Und wenn es so wäre, könnte ein solches Medienhaus sogar einen Beitrag zur Integration des Landes leisten.
Sie glauben also an eine kulturelle Offenheit der Tamedia? Tamedia müsste Brücken bauen. CEO Martin Kall könnte diese Rolle insofern spielen, als er als Deutscher eine Neuenburgerin zur Frau hat. Und Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher hat als ehemaliger Generalsekretär der CVP Erfahrung in der Kommunikation mit Westschweizer Sektionen.
Martin Kalls kulturelle Offenheit in Ehren. Er wird aber auch gegenüber der Westschweiz nach ökonomischen Kriterien entscheiden. Martin Kall ist ein Mann der Zahlen, das hat für einen CEO seine Logik. Aber die Medien haben eine andere Rolle, als nur Ertragskriterien zu genügen. Sie sind das Lebenselixier der Demokratie. Die Verantwortung der Verleger ist in dieser Hinsicht gross. Die Verleger müssten sich bewusst sein, dass die Medien nicht einfach ein Industrieprodukt sind, sondern ein Kulturgut.
Mit der Übernahme von Edipresse hat sich die Medienkonzentration in der Schweiz verstärkt. Welche Rolle hat die Vielfalt der Medienunternehmen bisher für die Schweizerische Medienkultur gespielt – und wieweit ist diese zunehmende Ballung der Besitzverhältnisse eine Gefahr? Die Vielfalt der Medienunternehmen spielt nur in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Erstens ermöglicht sie den Medienschaffenden eine grössere Freizügigkeit. Sie können auch dann noch eine Stelle im Beruf finden, wenn sie sich mit dem bisherigen Arbeitgeber verkracht haben. Zweitens verhindert sie Dumping bei den Werbepreisen. Die Vielfalt der Medieninhalte und der Meinungen kann auch dann gross sein, wenn viele Medien dem gleichen Konzern gehören. Gehören indessen alle Medien einer Grossregion oder eines Landes dem gleichen Konzern, dann ist diese Medienmacht quasi unkontrolliert, und sie ist ökonomisch, kulturell und politisch gefährlich.
Es gab Gerüchte, dass Edipresse auch an Hersant (Frankreich) hätte verkauft werden können. Hersant besitzt in Neuenburg bereits Zeitungen, der deutsche Springer hat Medien in der Deutschschweiz („Bilanz”, „Beobachter” und andere). Der Verkauf an Tamedia ist fast überall als die bessere Lösung kommentiert worden. Lieber eine weitere Ballung des Besitzes in der Schweiz als Verkäufe an ausländische Medienunternehmen? Wenn ausländische Medienunternehmen die inländische Medienmachtballung brechen, dann ist gegen sie nichts einzuwenden. Ausländische Medienunternehmen sind dann ein Problem, wenn ihre weit entfernten Konzernleitungen Medien in der Schweiz umkrempeln oder schliessen, ohne dass sie Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse der direkten Demokratie oder der regionalen Kultur. Unternehmer, die vor Ort sind, können sich weniger schroffe Entscheide leisten als solche, die weit weg sind – in Paris oder in Berlin.
© EDITO 2009 |