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In Bern kämpft die halbe Stadt für den „Bund”, in Basel beobachtet man distanziert die Sparmassnahmen bei der „Basler Zeitung”. Welche Rolle, welche Chance haben die klassischen Regionalzeitungen? Von Eva Pfirter

Die „Basler Zeitung” wird in Gerüchten und Vermutungen immer häufiger als Übernahmekandidatin genannt – mit unsicherer Zukunft für die Zeitung selbst. Und bis Ende Juni wird die Tamedia über das Schicksal der Berner Tageszeitung „Bund” entscheiden. Auch wenn die Zukunft der „Berner Zeitung” unbestritten scheint, wird am Aarebogen mit viel Herzblut um den „Bund” gekämpft. Kaum ein Berner Intellektueller fehlt im Co-Präsidium des Komitees; die Liste reicht von Sänger Endo Anaconda bis zu Universitätsrektor Urs Würgler. Mit dem Titel „Kleiner ‚Bund’, was nun?” stellte die „Bund”-Wochenendbeilage die eigene unsichere Zukunft in den Mittelpunkt.

Bern: Emotionaler Kampf. Es wurde deutlich, dass für viele Bernerinnen und Berner – egal ob Medienwissenschaftler, Kulturschaffender oder treue Leserin – der „Bund” Heimat bedeutet. So trifft man „Züri West”-Frontmann Kuno Lauener seit Ende März an jeder zweiten Ecke in Bern. Mit dem Slogan: „Der ‚Bund’ gehört zum Besten, was ‚Züri West’ zu bieten hat” wirbt er für die Erhaltung der Tageszeitung. „‚Züri West’ ist genauso wie der ‚Bund’: eine starke Berner Marke”, sagt Grossrat und Mitstreiter Christoph Stalder. Hanspeter Spörri, „Bund”-Chefredaktor von 2001 bis 2006, sagt: „Der ‚Bund’ ist eine Zeitung, die analysiert statt kritisiert, wenig beachtete oder vergessene Fakten in Erinnerung ruft, skeptisch gegenüber vorherrschenden Meinungen bleibt, Verständnis schafft und Verständigung ermöglicht statt Empörung zu bewirtschaften.”
Medienwissenschaftler Roger Blum umschreibt den „Bund” als „unaufgeregt und tiefschürfend”. Auch Ständerätin Simonetta Sommaruga schätzt die Berner Tageszeitung ausserordentlich: „Die ‚Bund’-Journalisten sind neugierige Medienschaffende, die selber denken und sich stark mit ihrem Medium identifizieren.” Die Politikerin vertritt das „Rettet den Bund-Komitee” gegen aussen und kämpft dafür, dass auch weiterhin nicht nur aus Zürcher Perspektive über die Bundespolitik berichtet wird. Sommaruga stellt aber klar: „Wir sind nicht naiv und wissen, dass nicht immer alles so bleiben wird, wie es ist.” Wichtig ist für sie, dass bei Veränderungen die hohe Qualität des „Bund” erhalten bleibt.
Zur Debatte stehen zwei Varianten: Entweder eine Fusion mit dem „Tages-Anzeiger” oder mit der „Berner Zeitung”. Eine andere, dritte Variante wünscht sich das Komitee „Rettet den Bund”: Es möchte dem „Bund” in irgendeiner Form ein eigenständiges Fortbestehen ermöglichen, sei es als teurere Tageszeitung oder als Wochenmagazin. Ob die eine oder andere Form einer „Bund”-Nachfolge beim Leser eine Chance hätte, wird vom Komitee derzeit mit einem Fragebogen eruiert.

Basel: Überleben dank Partnern. Aktionen und Emotionen wie in Bern sind in Basel zur Zeit nicht vorstellbar. Aber auch am Rheinknie muss man sich Sorgen machen darüber, wie und auf welchem Niveau es mit der „Basler Zeitung” weitergeht. Die vielen Kündigungen bei der BaZ-Redaktion, bei baz-online und auch beim Gratisanzeiger „Baslerstab” setzen düstere Zeichen. Es ist aber eine weniger emotionale Sorge als in Bern.
Aus Gesprächen in Kultur-, Polit- und Intellektuellen-Kreisen wird klar: Die Leistung der BaZ wird sehr unterschiedlich beurteilt, Herzblut für die „eigene Regionalzeitung” wird aber kaum vergossen. Das war anders 1977, als die linksliberale „National-Zeitung” und die bürgerlich-liberale „Basler Nachrichten” zur „Basler Zeitung” fusionierten. Das löste in Basel einen mittleren Kulturschock aus. Ob es in der Rheinstadt wieder einen Aufschrei geben würde, falls die Existenz der BaZ definitiv bedroht wäre, scheint schwierig abzuschätzen, wenn man sich bei Meinungsmachern umhört. „Die Zeitung hat politisch keine klare Linie, es fühlt sich niemand von ihr vertreten”, meint ein ehemaliger bürgerlicher Spitzenpolitiker, der nicht genannt sein möchte.
Anderer Meinung ist der Direktor der Handelskammer beider Basel, Andreas Burckhardt. Er glaubt zwar, dass die Basler „trockener” seien als die Berner, aber er ist dennoch überzeugt, dass ein Untergang der BaZ Reaktionen auslösen würde: „Aus politischer und wirtschaftlicher Sicht ist die „Basler Zeitung” wichtig für den Standort Basel; sie formuliert gerade in der Bundespolitik eine Basler Optik”, sagt er. Auch wenn sich Burckhardt wünscht, dass die BaZ vermehrt Wirtschaftsstandpunkte vertreten würde.
BaZ-Verleger Matthias Hagemann ist besorgt um die Zukunft der Regionalzeitung als Informationslieferant der Stimmbürger: „Falls die Regionalzeitung eines Tages nicht mehr existiert, können wir die direkte Demokratie vergessen.” Hagemann ist dennoch nicht pessimistisch, was die Zukunft seiner Zeitung betrifft. „Alles hängt vom Verlauf der Konjunktur ab.” Die „Basler Zeitung” spare an allen Ecken und Enden. „Wenn wir nicht sparen würden, sähe es dramatisch aus.” Es ist für den Verleger klar, dass die BaZ in Zukunft nicht ohne intensive Zusammenarbeit mit starken Partnern existieren kann. „Trotzdem wollen wir grundsätzlich eigenständig bleiben”, sagt Hagemann. Natürlich bereiten auch der Zeitung am Rheinknie die strukturellen Veränderungen Probleme; allen voran die Verlagerung der Werbung hin zu Online und Gratis-Zeitungen. Die Medienökonomin Gabriele Siegert vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) sagt: „Die meisten Zeitungen haben diesen Strukturwandel noch nicht gut bearbeitet.” Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Hagemann: „Auch die Wissenschaftler wissen nicht, wie die Verlage reagieren sollen.” Die Gewinne im Online-Bereich seien „jämmerlich”.

Knackpunkt Zahlungsbereitschaft. Siegert glaubt an intakte Überlebenschancen der Regionalzeitungen: „Die Regionalberichterstattung wird noch lange über Print-Medien laufen”, sagt die Medienökonomin. Es gäbe noch immer Bevölkerungsschichten, die sich nicht übers Internet informierten. Dazu kommt, dass die regionale Werbewirtschaft möglicherweise weniger stark auf Konjunkturschwankungen reagiere: Die Detailhandelsanzeigen sind bisher nicht so stark eingebrochen. Das grundsätzliche Problem liegt für Siegert darin, dass die Regionalzeitungen hohe Fixkosten bei – ausser in Zürich – kleinem Einzugsgebiet und folglich kleiner Auflage haben. Das macht eine Zeitung teuer. „Die Frage ist, wie hoch die Zahlungsbereitschaft der Leser ist.”
Pessimistischer schätzt Roger Blum die Lage ein: „Ich glaube, dass der Markt der mittelgrossen Regionalzeitungen, die Komplettzeitungen sein wollen, mittelfristig wenig Chancen lässt.” Er unterscheidet zwischen zwei Typen von Regionalzeitungen: Solche, die in einem Verbund sind („Solothurner Zeitung”, Thuner Tagblatt”) und solche, die mehr oder weniger selbständig geblieben sind („Bieler Tagblatt”, „Walliser Bote”). Letztere hätten es schwerer, so Blum. Am meisten Chancen gibt er den Grossen und den lokalen Nischenprodukten („Jungfrau-Zeitung”). Er glaubt, dass mittelgrosse Zeitungen langfristig nur als regionale Kopfblätter überleben werden. Zur Situation in Basel sagt Blum: „Ich gehe davon aus, dass es immer eine autonome ‚Basler Zeitung’ geben wird. Die Frage ist bloss, wem sie gehören wird.”
Die These von Blum wird durch die Beispiele in Luzern und St. Gallen gestützt: Der NLZ und dem „St. Galler Tagblatt” geht es relativ gut. Beide gehören zum Verbund eines ausserregionalen Medienunternehmens (NZZ). Die Anti-These wären die „Südostschweiz” und die „Mittellandzeitung”, beide in Besitz eines regionalen Verlages – noch.

© EDITO 2009


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