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Eine unabhängige TV-Station im fernen Abchasien zeigt, was Medienarbeit bedeuten kann. Sie ermöglicht wichtige Informationen für den Alltag der Bevölkerung und ein Stück Demokratie. Aber es fehlt an Geld. Ein Spendenaufruf.
Von Nina Schneider

Ist der Fluss vom Tagbau im Kohleabbau wirklich verseucht, oder ist die schwarze Flut nur visuell bedrohlich, wie dies der türkische Betreiber behauptet? Produziert die Zitrusplantage tatsächlich nur ein Kilogramm Mandarinen pro Baum, oder hinterzieht man so die Steuern? Weshalb hat das Rote Kreuz die Suppenküchen geschlossen? Wann wird das Dach des Dorfschulhauses repariert und wann endlich der Kinderspielplatz eröffnet? Trotz jahrelanger Bedrohung und Krieg im georgisch-abchasischen Konflikt suchen die Menschen von Tkvarchal auch Antworten auf ganz pragmatische Fragen.

Existenzielle Rolle. Der Lokalfernsehsender TV Tkwarchal (TTV) von Rita Azhiba versucht mit einfachsten Mitteln, die öffentliche Kommunikation rund um Gemeindeangelegenheiten aufrecht zu erhalten und die Informationsbedürfnisse der Bevölkerung abzudecken. Neben der wöchentlichen Nachrichtensendung bietet es Dienstleistungen an wie das Versenden von Grussbotschaften, Todesanzeigen oder Inseraten. Wo weder Zeitung noch Briefpost ausgeliefert werden und Internetanschlüsse rar sind, spielt das Fernsehen eine fast existenzielle Rolle im Alltag.
Seit den frühen neunziger Jahren haben Rita Azhiba und ihr Team die Bevölkerung mit Information und Unterhaltung versorgt und durch Krieg und Entbehrung begleitet. Auch ob dem Mangel an anderen Informationsquellen und Diskussionsforen fehlte der Sender in den letzen Monaten sehr, nachdem in kurzer Abfolge die Schnittcomputer und die Kamera kaputt gegangen sind. Dank der Spende von zwei ausgedienten Laptop-Schnittplätzen durch das SRG-Produktionscenter tpc und einer Kamera von der Redaktion „Puls” des Schweizer Fernsehens SF konnte die Produktion von Beiträgen im März wieder aufgenommen werden. Um „on air” zu gehen, fehlt derzeit noch ein leistungsstarker PC für die Steuerung des Sendeablaufs.

Kampf gegen Feindbilder. Unabhängige Information hat die Bevölkerung der Stadt und Umgebung von Tkvarchal dringend nötig. Das öffentlich-rechtliche abchasische Fernsehen wird nach wie vor von Gerontokraten kontrolliert und sendet neben langen Reden des Präsidenten mit Vorliebe militaristische Propaganda. Wie in vielen anderen postsowjetischen Ländern produzieren die staatlichen Sender Georgiens, Russlands und Abchasiens immer neue Feindbilder, die wenig zur Demokratisierung der Gesellschaft oder zur Konfliktbewältigung beitragen.
Im Jubiläumsjahr 2008 gedachte der staatliche abchasische Kanal beispielsweise allabendlich mit einer einstündigen Sendung der Helden aus dem abchasischen „Befreiungskrieg” von 1993, und nach dem kürzlichen Krieg um Südossetien stimmte er lautstark in die allseitige Hasspropaganda mit ein.
Nach der Anerkennung der Eigenstaatlichkeit Abchasiens durch Russland wünscht sich Rita Azhiba von TTV endlich eine Öffnung der politischen Debatten und die aktive Mitsprache aller. Nur eine konfliktfähige Gesellschaft könne die Eigenständigkeit des massiv unterbevölkerten Landes gegen den Einfluss der Grossmacht im Norden behaupten. Ein grosses Ziel für eine Stadt, die wegen der massiven Abwanderung zu über 50 Prozent aus Kindern und Pensionären besteht.
Rita Azhiba zeigt sich zuversichtlich: „Die Anerkennung durch Russland gibt uns die Sicherheit und Stabilität, die wir brauchen, um eine starke Zivilgesellschaft aufzubauen. Erstmals ist die Kriegsgefahr gebannt, und die Finanzierung des Wiederaufbaus über den Freundschaftsvertrag mit Russland gesichert. Für westliche Ohren mag das naiv klingen, aber uns helfen die russischen Militärbasen unsere Ängste und Traumata abzubauen.” Rita Azhiba ist überzeugt, dass ihre Demokratisierungs- und Menschenrechtsarbeit über das Fernsehen bei immer breiteren Schichten auf Echo stösst. Mit Informationen über die Aktivitäten von ökologischen, sozialen und politischen Nichtregierungsorganisationen will sie die Kontrolle der Behörden und damit die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Versorgung der Bevölkerung verbessern. TTV versucht als eine Art Mediator ExpertInnen und Laien, Kinder und Alte, Beamte und UnternehmerInnen an thematischen Fernsehdebatten und der Meinungsbildung zu beteiligen.

Workshops für Jugendliche. Der Sender TTV ist aber mehr als nur ein Fernsehen. Neben der Realisierung von Fernsehdebatten und Informationssendungen bietet es Jugendlichen diverse Workshops und Freizeitbeschäftigungen. Im Rahmen von Kurzfilmprojekten beschäftigen sich die Kinder spielerisch mit sozialpolitischen Themen wie Toleranz, Diskriminierung oder Konfliktbearbeitung. Mit einfachen Mitteln produzieren sie Filme über verschiedenen Formen von Ausgrenzung, die wiederum im Menschenrechtsunterricht für Schulklassen eingesetzt werden. Gleichzeitig erwerben sie journalistische und filmtechnische Grundkenntnisse, die – weil Ausbildungsplätze fehlen – durchaus gewisse Berufschancen eröffnen.
Über die Beteiligung von Jugendlichen an gesellschaftspolitischen Initiativen und das gemeinsame Realisieren von Fernsehsendungen will Rita Azhiba die nächste Generation in das öffentliche Leben einbinden und die Auswanderungswelle in die Illegalität Westeuropas stoppen. Sie kämpft gegen Perspektivelosigkeit. Egal ob die Eröffnung der Musikschule ansteht oder eine Impfaktion von „Ärzte ohne Grenzen” – immer vermittelt TTV auch demokratisches Grundwissen über Konfliktbearbeitung, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit, Ökologie oder Menschenrechte.
Erschwerend für Projekte wie das TV von Tkvarchal ist die Tatsache, dass sich nach dem Krieg im August einige westliche Geberorganisationen als „Strafaktion” aus der Finanzierung von zivilgesellschaftlichen Organisationen zurückgezogen haben. Obschon TTV über ein eigenes Studio und eine Sendelizenz verfügt, ist es ihm unter den aktuellen politischen Bedingungen unmöglich, sich selbst zu finanzieren. Trotz grossem Engagement und viel Gratisarbeit müssen immer wieder Anschaffungen getätigt werden, die einer internationalen Unterstützung bedürfen.

Viel Gratisarbeit. Trotz der regionalen Verankerung und dem guten Einverständnis mit den lokalen Behörden kann TTV auf keine Unterstützung aus dem Gemeindebudget zählen. Dieses reicht derzeit knapp, um die Lohnkosten für die Administration, die Schule und die Gesundheitsversorgung zu decken. Und private Sponsoren ohne explizit wahlpolitische Interessen gibt es nicht. Leider sichert die grosszügige Infrastruktur-Spende von SF und tpc die Weiterarbeit nur teilweise. Mit dem EDITO-Spendenaufruf hoffen wir, rund 5000 Franken sammeln zu können. Damit sollen ein Sendeablauf-Computer, eine einfache Consumer-Kamera für die Workshops mit den Jugendlichen und ein 14-tägiger Einführungskurs in die neue Technik und einige TV-journalistische Grundbegriffe finanziert werden.


NINA SCHNEIDER: MEIN ENGAGEMENT FÜR TV TKWARCHAL

Kutaisi, Georgien.
Sonst Video-Editorin in der Schweiz, arbeite ich hier in einer NGO. Nach sechsmonatiger Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen aus Abchasien will ich im Dezember 2008 endlich einmal die Gegenseite und deren Visionen kennen lernen und reise über die Feindesgrenze hinweg in die Sagen umwobene „Paradiesstadt” Sukhumi am schwarzen Meer.
Als echte Schweizerin ruft mich neben dem Meer auch der Berg, und so besuche ich die Bergbaustadt Tkvarchal am Fusse des kaukasischen Hochgebirges. Von den ehemals 35 000 Bewohnern sind nach Perestroika, Krieg und Blockade rund 8000 übrig geblieben, davon 2000 Kinder und 3500 Senioren. Die restlichen
2500 Menschen arbeiten entweder im öffentlichen Dienst oder sie betreiben irgendeine Art von Subsistenz oder Zwischenhandel. In diesem Nest treffe ich auf Rita Azhiba, die mit einem fünfköpfigen Team seit Anfang der neunziger Jahre die private Station TV Tkvarchal betreibt und sich in der Demokratisierungs- und Jugendarbeit engagiert. Als Fernsehfrau bin ich sehr interessiert. Rita Azhiba führt mich in ihr Studio, erklärt mir die Ziele und die Arbeitsweise ihrer TV-Station und bittet mich dann
eindringlich, ihrem Projekt unter die Arme zu greifen.
Seit ein paar Monaten steht ihr Kanal still, weil in kurzen Abständen die Schnitt- und Sendecomputer wie auch die Kamera stehen blieben. Eine Finanzierung aus eigenen Mitteln ist in den verarmten Randregionen unmöglich. Nach einem Rundgang durch Tkvarchal, mit Besuchen bei der Gemeindevorsteherin und der Schachtverwaltung, in der Bibliothek, im Museum und in der Bäckerei bin ich überzeugt: Es gibt auch hier hunderte von Fragen, die einer öffentlichen Debatte bedürfen. Dafür sind unabhängige Medien wichtig.
Natürlich ist das abchasische TV Tkvarchal ein Beispiel unter vielen. Für mich ist diese Hilfe unter Medienschaffenden hier konkret und nahe liegend.

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