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Absender: Werner van Gent
Korrespondent SR DRS in Athen, April 2009

Von meiner Wohnung aus, im zehnten Stockwerk, habe ich eine grossartige Aussicht auf das nicht weniger grossartige Chaos, das enthemmte Architekten und Bauingenieure in den letzten fünf Jahrzehnten in dieser Stadt geschaffen haben. Die Akropolis schwebt, von meinem Balkon aus gesehen, auf den Röhren und Gestängen von Klimageräten, auf Drehkaminen (das sind Kamine mit einem drehbaren Aufsatz, der dafür sorgt, dass die Kaminfeuer bei jeder Windrichtung schön lodern) und auf Solaranlagen für die Heisswasseraufbereitung.
Journalistisch relevant ist vor allem die Sicht auf das Stadtzentrum. Dort tobte im Dezember ein Kleinkrieg zwischen den lokalen „Chaoten” – arbeitslose Jugendliche, chancenlose Studenten und einige professionelle Krawall-Spezialisten – und der schlecht ausgerüsteten und noch viel schlechter ausgebildeten Polizei. Geschäfte brannten aus, die Universitäten wurden geplündert, das Weihnachtsgeschäft war im Eimer. Die Fortsetzung der Krawalle kündigte sich in jenen Tagen meist schon gegen die Mittagsstunde an. Ein Helikopter der Polizei kreiste knatternd über der Innenstadt, und gegen Abend konnte man dann abschätzen, wie schlimm oder auch wie harmlos die Zusammenstösse wieder waren: eine schwarze Rauchsäule über dem Zentrum bedeutete: „sehr schlimm”. Eine weisse Rauchsäule hiess: Die Feuerwehr hatte es endlich geschafft, sich zu den Brandherden durchzukämpfen. Nicht unähnlich also wie bei der Papstwahl.

Altes Pfeffergas. Als Korrespondent hätte ich mich auf diese vatikanische Perspektive beschränken können; die Kolleginnen und Kollegen des griechischen Fernsehens waren ja meist an Ort und Stelle und berichteten unablässig darüber, wie viele Müllcontainer die Chaoten wieder in Brand gesetzt hatten, welche Geschäfte der Plünderung zum Opfer gefallen waren und was die Politiker sich so alles einfallen liessen, um sich vor der Kamera möglichst eindrücklich zu positionieren. Doch irgendwann hatte mich der Ehrgeiz gepackt, selber die Töne der Krawalle aufzunehmen. Das hätte ich besser bleiben lassen. Denn während meine griechischen Kollegen mit modernen Atemschutzgeräten ausgerüstet sind, steckte ich meine Nase ungeschützt in das Gewühl. Der Arzt attestierte, nachdem das Nasenbluten nicht mehr aufhören wollte, eine mittlere Verätzung der Schleimhäute, die er dann aber mit einem Mini-Schweissgerät (und lokaler Anästhesie) in wenigen Sekunden wieder einsatzbereit machte.
„Ein Skandal!” riefen ungefähr gleichzeitig die Kommentatoren in den abendfüllenden Fernsehnachrichten aus; die Polizei habe Pfeffergas versprüht, obwohl das Verfalldatum längst abgelaufen sei! Als das alte Gas restlos verbraucht war, brachte ein Transportflugzeug über Nacht frisches Pfeffer und Tränengas aus Israel. Die Luft im Zentrum wurde dadurch leider nicht weniger ätzend. Auch frisches Reizgas ist aussergewöhnlich reizend…
Fragt man das Athener Publikum, dann haben die griechischen Medien bei den Krawallen nicht gut abgschnitten. Umfragen belegen, dass nur zehn bis höchstens zwanzig Prozent der Bevölkerung den Medien noch Vertrauen schenken. Nur den Politikern geht es bei diesen Umfragen noch schlechter. Am meisten Vertrauen erntet, wen wundert’s, die Feuerwehr.
Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Der Helikopter der Polizei knattert nun nur noch ein- bis zweimal in der Woche über unseren Köpfen. Dabei ist man allerdings nie ganz sicher, ob es wirklich die Polizei ist, die den Krach verursacht. Vor Wochen hatte nämlich ein spektakulärer Fall die Öffentlichkeit schockiert. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren hatte ein Schwerverbrecher mit einem Helikopter Reissaus genommen – aus dem Hochsicherheitsgefängnis. Das ging so: Eine Komplizin mietete einen Hubschrauber, der pikanterweise die Farben des Polizeihelikopters trug, und zwang den Piloten unter vorgehaltener Waffe, Kurs auf das Dach des Gefängnisses zu nehmen, wo der Verbrecher bereits wartete. Drei Tage lang durften die Medien die Unruhen in Athen vergessen. International war der Fall keine besondere Nachricht wert, die Wirtschaftskrise hatte inzwischen viel dreistere Aktionen der Banker ans Licht gefördert.

Weniger Touristen. Auch in Griechenland verfolgt die Nation mit Furcht und Schrecken die Verätzungen im globalen Wirtschaftsgefüge. Man erwartet zwanzig Prozent weniger Touristen, vielleicht wird die Zahl der ausländischen Gäste sogar um dreissig Prozent abnehmen. In einem Land, in dem die Medien eine manisch-depressive Tendenz aufweisen, malt man schon den Zusammenbruch Griechenlands an die Wand. Mein Vorschlag, sich um so intensiver um die siebzig Prozent zu kümmern, die trotz der Krise nach Griechenland kommen, erntet hauptsächlich erstaunte Gesichter.

© EDITO 2009