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Die Schweiz beschäftigt der „massive Zustrom von Deutschen” („Tages-Anzeiger”). EDITO spricht über die Schweizer, welche in deutschen Medien arbeiten. Zum Beispiel Mathieu von Rohr, Redaktor beim „Spiegel“.
Von René Martens

Das „Café Paris” nahe dem Hamburger Rathaus ist ein Treffpunkt für Leute aus der Medien- und Werbebranche. Obwohl Mathieu von Rohr hier manchmal anzutreffen ist, passt er nicht in das typische Bild der Kaffeegänger, die oft genug schneller reden als denken. Der 31-jährige ehemalige Redaktor der „Basler Zeitung” überlegt sich alle Antworten reiflich, macht viele Pausen. Man weiss manchmal nicht: Soll man die nächste Frage stellen? Oder unterbricht das seinen Gedankengang?
Von Rohr arbeitet ein paar Steinwürfe vom „Café Paris” entfernt – als Auslandredaktor beim „Spiegel”. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen im 19-köpfigen Ressort fungiert der er als Generalist ohne festen regionalen Schwerpunkt – sieht man einmal davon ab, dass er bei dem Magazin, das sich seit rund fünf Jahren keinen Korrespondenten in der Schweiz mehr leistet, nebenbei noch die Funktion des „Schweiz-Erklärers” ausfüllt, wie er es selbst nennt. Seit sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück mit verbaler Randale gegen die Schweiz zu profilieren versucht, hat diese Rolle erheblich an Bedeutung gewonnen.

Blocher und Banken. „Als ich nach Deutschland kam, war ich überrascht, wie wenig man hier über die Schweiz weiss”, sagt von Rohr. „Viele glauben zum Beispiel, dass Steuerhinterziehung in der Schweiz nicht strafbar sei.” Er müsse heute noch in jedem Artikel „das Regierungssystem erklären”. Bezeichnend sei, dass nur ein Schweizer Politiker in Deutschland bekannt sei: Christoph Blocher. „Die Deutschen halten ihn für den Haider der Schweiz, und das ist ja auch nicht ganz falsch, aber tatsächlich ist er einem deutschen Politiker viel ähnlicher, nämlich Franz-Josef Strauss.” Blocher, Banken, Bankgeheimnis – auf diese Formel lasse sich das Interesse der Deutschen an der Schweiz reduzieren. Es sei jedoch „faszinierend”, das Geschehen im Heimatland „aus der Distanz zu beobachten. Wenn man es anderen erklären muss, denkt man auch selbst anders darüber nach.”
In Deutschland sei der Journalismus professioneller, aber auch normierter; in Schweizer Medien gebe es mehr Raum für Anarchismus, sagt von Rohr. Ein Beispiel für die Mentalitätsunterschiede: In deutschen Medien sei schon seit Jahren eine feindselige Stimmung gegen arrogante Manager verbreitet, wohingegen so etwas in der Schweiz lange nicht denkbar gewesen sei. „Das hat sich erst mit der Finanzkrise geändert”, sagt von Rohr.

Andere Reportagen. Gibt es auch ein Beispiel für anarchischen Schweizer Journalismus, wie er in Deutschland nicht möglich wäre? Von Rohr überlegt bei dieser Frage noch länger als sonst. „Niklaus Meienberg, der für scharf beobachtenden, wortgewaltigen, ja geradezu mit Worten zuhauenden Journalismus steht, wäre in Deutschland niemals so gross herausgekommen”, sagt er schliesslich. Generell lasse sich sagen, dass man „in der Schweiz öfter angelsächsische Formen wie Reportagen aus der Ich-Perspektive findet”.
Von Rohrs Hauptaufgabe beim „Spiegel” besteht darin, „überall dorthin zu fahren, wo es die Aktualität verlangt”. Anfang des Jahres war er in Gaza, „einem der traurigsten Orte der Welt”. Es ging darum, eine Bilanz der letzten Offensive der israelischen Armee zu ziehen. Fünf „Spiegel”-Kollegen waren vor Ort, von Rohr hatte letztlich die Aufgabe, die Geschichte aus verschiedenen Beiträgen zusammenzubauen. In den vergangenen Jahren hat er ausserdem aus der Krisenregion Kaschmir berichtet – und, von Hamburg aus, den Verlauf der US-Wahlnacht live in einem Blog protokolliert. Diese Form des Arbeitens hält er für zukunftsträchtig: „Der Journalist als Echtzeitkommentator – das wird sich durchsetzen. Aber einen eigenen Blog kann man nicht nebenbei betreiben.” Deshalb ist regelmässiges Bloggen für ihn derzeit keine Perspektive: „Dazu bin ich zu gerne Reporter.”

René Martens ist Journalist in Hamburg.

© EDITO 2009