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Das Zauberwort Konvergenz dominiert die Diskussionen in der SRG SSR. Nach den ersten Entscheiden ein Überblick zum Stand der Dinge. Von Philipp Cueni

Was wurde entschieden? Die nationalen und regionalen Verwaltungsräte der SRG SSR setzen auf Konvergenz-Projekte. Es ist dies der Start zu einer mehrjährigen Entwicklungs- und Umsetzungsphase. Unternehmensweite Ziele und Rahmenbedingungen wurden beschlossen. In jeder Sprachregion soll es nur noch eine Unternehmenseinheit geben. Und Radio, Fernsehen und Online sollen enger zusammenarbeiten. Aber es soll keine „Vollkonvergenz” angestrebt werden. Jetzt schon ist klar, dass es für Radio und TV in der Deutschschweiz weiterhin getrennte Chefredaktionen und getrennte Rechnungen geben wird. Entsprechend sind für die Ausgestaltung der Konvergenz 63 Rahmenbedingungen definiert worden.
Grundlage der Konvergenz-Strategie ist der Bericht „Medienkonvergenz und Wirtschaftlichkeit in der SRG SSR” vom 19. März, welcher Ziele, Modelle und auch Probleme der Konvergenz darstellt.

Wen betrifft die Konvergenz kurzfristig? Das ganze Projekt „Medienkonvergenz und Wirtschaftlichkeit” ist in zwei Teile gegliedert: „Support” und „Konvergenz”. Es betrifft den Support-Bereich, die Direktionen und den redaktionellen Bereich. In einer ersten Phase sind die Redaktionen nicht betroffen.
Im Bereich Support sollen durch Synergien zehn Prozent eingespart werden. Das betrifft die Logistik, Immobilienmanagement, IT-Infrastruktur, Human Resources, Finanz- und Rechnungswesen, Rechtsberatung und Kommunikation. In den Support-Bereichen werden sich die MitarbeiterInnen und die Gewerkschaft konkret mit Abbaumassnahmen auseinandersetzen müssen. Weil nur noch eine Unternehmenseinheit pro Region bestehen bleibt, wird es auf der Führungsebene (Direktion) zu Zusammenlegungen kommen.

Was bewirkt das Projekt kurzfristig? Im Bereich „Support” einen Stellenabbau. Im Bereich „Direktion” Zusammenlegungen, die Aufhebung von Funktionen sowie eine neue Zuweisung der Kompetenzen. Im Bereich Programme/Redaktionen werden Modelle geprüft werden, wo und wieweit Redaktionen aus Radio, TV und Online zusammengelegt oder stärker koordiniert werden können.

Welche „politischen” Auswirkungen gibt es? Die „politischen” Auswirkungen müssen regional unterschiedlich bewertet werden. In der Deutschschweiz ist die Zusammenlegung von Radio und Fernsehen das grosse Politikum. Entschieden ist bisher lediglich, dass es ein gemeinsames Unternehmen („Unternehmensmantel”) unter einer gemeinsamen Direktion geben wird. Sicher wird es aber weiterhin zwei Chefredaktionen geben. Ob die Programmleitung gemeinsam oder getrennt wahrgenommen wird, ist noch offen (Bundesrat Leuenberger spricht sich für getrennte Programmleitungen aus). Abgelehnt worden ist, die Projektleitung für die Zusammenführung von Radio und TV der amtierenden TV-Direktorin zu übertragen. Vermutlich wird es eine gemeinsame Projektleitung aus Radio- und Fernsehleuten geben. Und die Besetzung der zukünftigen gemeinsamen Direktion wird ausgeschrieben.
In der Westschweiz ist die gemeinsame Direktion für Radio und TV wenig bestritten. Heiss diskutiert wird hingegen, dass die Abteilungen von Fernsehen und Radio auf die Standorte Lausanne und Genf neu aufgeteilt werden sollen.
Im Tessin gibt es bereits eine gemeinsame Direktion; hier war die Konvergenz (wie auch bei RTR Chur) am weitesten fortgeschritten. Dort bedeuten die neuen Beschlüsse der SRG SSR eher einen Stopp für die weitergehenden Konvergenz-Projekte von Direktor Dino Balestra.

Was sind die Folgen für die Standorte? Trotz Konvergenz sind die Standorte der Hauptstudios in Zürich, Basel und Bern fester denn je. Ob es dank der Konvergenz sogar zu einer Regionalisierung von Fernsehabteilungen kommen könnte (Basel diskutiert ein „Kompetenzzentrum Kultur” für Radio/TV in Basel), ist völlig offen. Sicher ist: Ein „Grossleutschenbach” für TV und Radio ist vom Tisch.

Gibt’s „aussenpolitische” Auswirkungen? Ob die Konvergenz eine Zentralisierung der programmlichen Entscheide, eine Zentralisierung der Standorte oder eine publizistische Vereinheitlichung der Redaktionen bewirken könnte, beschäftigt auch die Politik stark. Das zeigen die politischen Stellungnahmen von Regionalgesellschaften, Kantonsregierungen und des zuständigen Bundesrates (UVEK). Festzustellen ist: Die Politik legt Wert auf Föderalismus, Vielfalt der Optik, Eigenständigkeit des Radios und Sicherung der Qualität.

Wann werden Massnahmen umgesetzt?
Noch diesen Frühling soll in der Deutschschweiz die Projektleitung für die Zusammenlegung von Radio und TV bestimmt werden. Spätestens in einem Jahr soll dann die neue Direktion gewählt sein. Ab wann neue gemeinsame Strukturen auf programmlicher und redaktioneller Ebene geprüft werden, ist noch offen. Bereits diesen Frühling hingegen startet das Teilprojekt „Support-Überprüfung”.

Ist die Konvergenz doch ein Sparprogramm? Nein! Zwar heisst das SRG-Projekt „Konvergenz und Wirtschaftlichkeit”. Zwar muss die SRG SSR wegen Finanzierungsproblemen sogar den Abbau von Programmteilen prüfen. Das Konvergenz-Projekt kennt aber lediglich das Teilprojekt „Support”, in welchem durch Synergien zehn Prozent eingespart werden sollen. Konvergentes Produzieren auf der Programmebene, das sagen alle Fachleute, wird dem Publikum zusätzliche Leistungen bieten, kommt aber nicht billiger, sondern vermutlich eher teurer.

Wie lautet die Definition von Konvergenz? Konvergenz wird heute sehr unterschiedlich definiert, der Begriff weit gefasst. Die SRG SSR definiert ihn klar programmbezogen als „medienübergreifende, publizistisch-redaktionelle Zusammenarbeit, die den Zweck hat, die Vielfalt, Qualität und Produktivität der multimedialen Angebote der SRG SSR zu halten oder zu verbessern sowie die zeitliche, örtliche und thematische Zugänglichkeit (der Angebote, Red.) für ein grösstmögliches Publikum zu erhöhen”.

Was bewirkt das Projekt in den Redaktionen? Welche Auswirkungen das Konvergenz-Projekt auf die Arbeit in den Redaktionen haben wird, hängt davon ab, für welche konkreten Modelle sich die Regionen entscheiden werden. Und dies wiederum hängt auch davon ab, wie weit sich die Redaktionen in den Prozess einbringen werden. Ist zu befürchten, dass die Korrespondenten von Radio und Fernsehen zusammengelegt werden? Dass der Radioredaktor an der Medienkonferenz gleich auch noch ein schnelles Foto schiessen und dann den Bericht für Radio, Fernsehen und Online machen soll? Ist es tatsächlich denkbar, dass die einen JournalistInnen ausschliesslich das „Material” hereinholen, das auf den Server des Newsrooms überspielt wird, damit andere daraus dann verschiedene Beiträge machen können?
Das alles ist tatsächlich möglich bei einem Konvergenzmodell, bei welchem der Faktor „Qualität” tief bewertet würde. Aber: Konvergenz muss keineswegs so definiert sein oder aussehen. In welche Richtung die Konvergenz in der konkreten Redaktionsarbeit ausgestaltet wird, ist noch gar nicht entschieden.

Welche Modelle gibt es für die Redaktionsarbeit? Das SRG-Papier stellt fünf Modelle dar. Die Modelle 1 (Status Quo), 2 (Status quo +) und 5 (Vollkonvergenz) kommen für die SRG SSR nicht in Betracht. Umgesetzt werden sollen Varianten der Modelle 3 und 4, wobei ein Unterschied entscheidend ist: Bei Modell 3 bleiben Radio und TV redaktionell weitgehend getrennt, bei Modell 4 werden sie weitgehend zusammengelegt (siehe Kasten Seite 31). Absehbar ist demnach, dass die Multimedia-Redaktionen von Radio und Fernsehen so oder so zusammengelegt würden.

Was verändert sich in den Berufsbildern? Die Medienschaffenden der Zukunft sollen konvergent denken können, also fähig sein, Themen und Geschichten für mehrere Kanäle zu planen und zu realisieren. Diese Anforderung gilt für die ganze Medienbranche.
Genauso einig sind sich die Konvergenzspezialisten, auch in der SRG SSR, dass es weiterhin Fachleute braucht, welche das spezifische Handwerk für Radio, Fernsehen und Online auf hohem Niveau beherrschen, und dass der „Alleskönner” damit überfordert wäre. Sicher wird es neu „Konvergenz-Spezialisten” geben, welche im Bereich Planung/Koordination wissen, welche Stoffe für welche Erzählformen und welche Kanäle („Vektoren”) geeignet sind, und die im Bereich „Produktion” wissen, wie man Stoffe „multimedial” aufbreiten kann. Und natürlich wird es vermehrt auch einzelne Journalisten und Journalistinnen geben, die ihre Stoffe gerne für unterschiedliche Formate aufbereiten. Aber: Für alle diese Funktionen wird weiterhin ein solides journalistisches Handwerk erste Voraussetzung sein.

Wie wirkt sich Konvergenz auf die Technik aus? Die Konvergenz wird Auswirkungen auf die Bereiche „Technik” und „Archive” haben. Allerdings ist dazu konkret noch wenig bekannt. Zu vermuten ist, dass sich im Hinblick auf multimediale Beitragsproduktionssysteme auch die Berufsbilder verändern werden. Gebraucht werden zum Beispiel Spezialisten für die Gestaltung neuer Erzählformen.

Was sind die Risiken und Bedenken? Die grösste Skepsis bei den Programmschaffenden in den Studios ist, dass die spezifischen und starken Kulturen von Radio und Fernsehen mit einer Zusammenlegung verloren gehen könnten. Beim Radio herrschen starke Bedenken, vom grösseren Fernsehen dominiert zu werden.
In den Redaktionen wird befürchtet, dass die Konvergenz die Beschleunigung des Journalismus weiter vorantreibt. Denn das Produzieren für verschiedene Kanäle ist nur ohne Qualitätseinbussen möglich, wenn dazu genügende Kapazitäten zur Verfügung stehen. Zudem kann (muss aber nicht) eine konvergente Planung des publizistischen Arbeitsablaufs die Industrialisierung, also Zerstückelung der journalistischen Arbeit begünstigen.
Generell herrscht bei den Mitarbeitenden Skepsis gegenüber einem derart umfassenden Projekt in einer Zeit, in welcher diverse zusätzliche Leistungen abverlangt und andere Strukturreformen eingeleitet worden sind, in welcher tendenziell abgebaut wird, in welcher der Arbeitsprozess ohnehin schon schneller geworden ist, und in der die Qualität wegen mangelnder Kapazitäten unter Druck steht. Es besteht die Gefahr, dass die Konvergenz zu einer publizistischen Vereinheitlichung führt. Eine Konvergenz mit einer zentralen Themenplanung würde die Vielfalt der publizistischen Optik und Ansätze der einzelnen Redaktionen innerhalb der SRG SSR massiv einschränken.

Welche Chancen liegen im Projekt? Die SRG SSR kann publizistisch mehr bieten als bisher. Sie kann ihre Inhalte stärker und in vielfältigerer Form auswerten. Sie erreicht (und hält!) damit das Publikum besser über neue Wege, aber eigene Kanäle. Und den Redaktionen und JournalistInnen stehen mehr Kanäle, formale und erzählerische Mittel zur Verfügung, ihren Stoff umzusetzen. Das ist auch eine inhaltlich-gestalterische Chance.

Was haben die Mitarbeiter zu sagen? Einen Veränderungsprozess von dieser Dimension kann man ohne den ernsthaften Einbezug aller Betroffenen gar nicht bewältigen, sagen die Fachleute. Die SRG SSR hat den Betroffenen und dem Sozialpartner SSM den Einbezug und den „stetigen Dialog” versprochen. Daran ist die SRG SSR zu messen. Definierte Abläufe gibt es bisher nicht. Es wird also vor allem an den Mitarbeitern liegen, sich einzubringen.

Was sind die nächsten Schritte?
Konvergenz ist ein weltweiter Trend, welchem man sich nicht entziehen kann. Sich dem Konvergenz-Projekt zu verschliessen, bringt gar nichts und verbaut die Chance, die Zukunft bei der SRG SSR mitzugestalten. Konvergenz eröffnet auch neue publizistische Möglichkeiten. Bei aller Offenheit dieser Entwicklung gegenüber ist dennoch allergrösste Skepsis angesagt. Nur damit lassen sich Fehlentwicklungen vermeiden, nur dadurch kann man Planungen von realitätsfremden Medienmanagern in Frage stellen, nur so lassen sich die grossen Fallen umgehen. Bald wird entschieden werden, wie die Verantwortlichkeiten nach einer Fusion von Radio und TV definiert werden. Gesetzt ist, dass es für Radio und TV weiterhin zwei Chefredaktionen geben wird. Offen ist hingegen, ob auch die Programmleitungen getrennt bleiben.

© EDITO 2009