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Nationalrat Christoph Mörgeli möchte die Internetplattform swissinfo abschaffen. Damit ist das Trauerspiel um die Brasilianerin Paula O. auch zum Politikum geworden.
Von Judith Arnold

Unschön waren die Schnittwunden im SVP-Muster auf Bauch und Beinen der Brasilianerin Paula O. Noch hässlicher die Berichterstattung in Brasilien über den angeblich rassistisch motivierten Übergriff mit demVorwurf, die Schweiz wolle den Vorfall unter den Teppich kehren. Eine Ente, wie sich später herausstellte. Paula O. hatte sich die Schnittwunden selbst zugefügt und den Überfall wie auch den erlittenen Abort frei erfunden. Doch damit ist das Stück noch nicht zu Ende.
Nächster Akt im Trauerspiel: Mit einer Motion will Christoph Mörgeli das SRG-Unternehmen swissinfo abschaffen. Der Grund: Die portugiesische Ausgabe der Internetplattform habe „als erstes internationales Medium” über den angeblichen Überfall berichtet. Dabei habe swissinfo in mehreren Berichten den Eindruck „einer SVP-dominierten, latent fremdenfeindlichen Schweiz” vermittelt, deren Behörden und Polizisten nur unwillig gegen rechtsextreme Täter vorgehen würden, so der SVP-Nationalrat in seiner Motion. „Statt das Ansehen der Schweiz in der Welt zu erhöhen”, habe swissinfo überaus aktiv dazu beigetragen, „dieses Ansehen international zu beschädigen”. Daher fordert Nationalrat Mörgeli den Bundesrat auf, die Konzession für swissinfo auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen.

„Unrühmlich”. Die Vorwürfe gegenüber swissinfo sind happig. Ausgelöst wurden sie durch einen Artikel von Alex Baur in der „Weltwoche”. Dieser machte aus der Irreführung der Rechtspflege durch Paula O. kurzerhand die „Protokolle einer Irreführung”, wonach swissinfo eine „unrühmliche Rolle” in der Berichterstattung des Falls gespielt habe. Als stossend wird erwähnt, dass swissinfo einen Blog von der brasilianischen Medienkette O Globo zitiert habe, worin das Rabenmotiv des SVP-Plakats zur Abstimmung vom 8. Februar abgebildet und mit Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht worden war. Als weiteres Beispiel führt die „Weltwoche” an, dass ein Brasilien-Spezialist auf swissinfo die Schweizer Medien an den Pranger gestellt habe, weil sie xenophobe Attacken mutwillig verschweigen würden. Dabei habe er den Fall so dargestellt, als gäbe es nicht den geringsten Zweifel an der Geschichte von Paula O.

„Schleppend”. Von der Motion Mörgeli hat Baur lediglich aus den Medien gehört, wie er auf Anfrage sagt. Und es sei auch nicht seine journalistische Absicht gewesen, auf eine Abschaffung von swissinfo hinzuarbeiten. Der zentrale Kritikpunkt sei ein anderer. „Die portugiesische und die spanische Ausgabe von swissinfo haben nie klargestellt, dass die Geschichte von Paula O. erfunden war”, so Baur. Die Aufklärung sei nicht oder jedenfalls nur sehr schleppend erfolgt.
Christophe Giovannini, Chefredaktor von swissinfo, weist diese Vorwürfe zurück. swissinfo habe „über die öffentliche Empörung in Brasilien und in der Schweiz berichtet, diese aber nicht ausgelöst”. Dabei habe sich die portugiesische Redaktion von Anfang an bemüht, „ausgewogen und faktengetreu über diese traurige Geschichte zu schreiben”. Auch habe swissinfo „schnell die unerwarteten weiteren Entwicklungen verfolgt und ihren Lesern mitgeteilt”.
So habe man die Medienmitteilungen der Zürcher Stadtpolizei vollständig übersetzt und für die Artikel alle Seiten befragt oder zitiert: von der Familie der Frau und der brasilianischen Regierung über mehrere Vertreter der SVP (darunter Alain Hauert, Oskar Freysinger und Yvan Perrin) bis hin zu NGO’s wie Amnesty International. „Dies ergab eine Fülle von Zitaten, von denen der ‚Weltwoche’ einige nicht gefallen haben”, so Giovannini.
Das sieht Alex Baur, der an der Kritik in seinem Artikel festhält, anders: „Man kann mit nichts so gut manipulieren, wie mit Zitaten.” Entscheidend sei der Gesamteindruck. „Und der Gesamteindruck auf der portugiesischen und spanischen Ausgabe von swissinfo zeichnete das Bild einer latent rassistischen Schweiz, dominiert von einer latent rassistischen Partei, die mit rassistischen Plakaten Werbung macht”, so Baur.
Seiner Ansicht nach seien dies falsche Klischeebilder, die durch die Inszenierung von Paula O. ins Absurde geführt worden seien. Dass swissinfo die Story von Paula O. anfänglich ohne Fragezeichen kolportierte, sei eine Fehlleistung, die passieren könne; unverzeihlich finde er, dass die Redaktion nicht die Grösse zeigte, die „Ente” sofort und in der angebrachten Klarheit zu korrigieren.

„Unvoreingenommen”. „Von dieser Zuspitzung im ‚Weltwoche’-Artikel bleibt bei genauer Betrachtung nicht viel übrig”, ist Peter Schibli, Direktor von swissinfo, überzeugt: „Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen die Geschichte so unparteiisch und unvoreingenommen angegangen, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht verlangt und unsere Ressourcen erlauben.”
Gerade bei der Verzögerung der Berichterstattung macht Schibli ein Ressourcenproblem geltend: „Wir haben in der portugiesischen Redaktion drei Journalisten, die bei einem solchen Grossereignis, zu dem sich der Fall Paula O. entwickelte, überfordert sind”, so Schibli. Da könne es schon vorkommen, dass es einen halben Tag dauert, bis ein Pressecommuniqué auf die Website kommt, räumt Schibli ein. „Aber der Vorwurf der ‚Weltwoche’, wir hätten Fakten länger als zwölf Stunden nicht auf den aktuellen Stand gebracht, ist ganz klar falsch.”
Ebenfalls nicht haltbar sei die Behauptung, swissinfo habe an der Version von Paula O. festgehalten. „Wir wollten einfach nicht ein Gerücht durch ein anderes Gerücht ersetzen”, sagt Schibli. „Daher hat swissinfo abgewartet, bis die Polizei den Fall geklärt hatte, und erst dann über die neuen Fakten berichtet.”

„Vorsichtiger”. Darüber hinaus macht Schibli geltend, dass swissinfo mehr als andere Medien über den Fall recherchierte, da die Plattform unter einem internationalen Erwartungsdruck gestanden habe. Rückblickend meint Schibli, weniger wäre mehr gewesen: „Man hätte vorsichtiger sein und der brasilianischen Seite weniger Platz einräumen sollen”, so der Direktor von swissinfo.
Einiges würde swissinfo heute anders machen: „Wir prüfen derzeit, ob es mit dem Mandat von swissinfo vereinbar ist, wenn Journalisten der Nachrichtenredaktion auch bloggen”, erklärt Peter Schibli. Was bei dieser internen Untersuchung herauskommt, sei noch offen. Möglich sei aber, dass künftig nur noch externe Autoren bloggen, um Missverständnisse auszuräumen.
Die zweite Lehre aus der Geschichte sei, dass swissinfo auf Grossereignisse mit einer sich schnell verändernden Faktenlage besser vorbereitet sein müsse. „Wir werden eine interne Weiterbildung durchführen, um zu klären, wie man mit überholten Informationen im Internet umgehen soll. Werden veraltete Artikel gelöscht, mit den aktuellen Fakten ergänzt oder für Suchmaschinen unauffindbar archiviert?”
Diese Fragen wolle man auf dem aktuellen Stand der Forschung klären. „Falls dabei praxistaugliche Erkenntnisse hervorgehen, ist denkbar, dass wir die internen Produktionsrichtlinien um ein, zwei Punkte ergänzen”, so der Direktor von swissinfo.


Kommentar

Unverhältnismässig

Die Vorwürfe der „Weltwoche” gegen swissinfo sind ebenso massiv, wie die Motion zur „Abschaffung von swissinfo” unverhältnismässig ist. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Besorgnis weniger dem Ansehen der Schweiz gilt als dem Image der SVP. Die Geschichte kam gerade recht für einen Angriff auf die SRG SSR.
Der Zusammenhang zwischen dem Fall Paula O. und den SVP-Plakaten wurde zuerst in Brasilien hergestellt. Dass die SRG-Plattform diesen Diskurs aufgegriffen hat, gehört zu ihrem Auftrag. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Berichterstattung Schwächen aufwies. Angesichts der dünnen Faktenlage hat man der Geschichte zu viel Bedeutung beigemessen, wobei die Meinungen zuweilen die Fakten marginalisierten und der brasilianischen Perspektive zu viel Platz einräumten. Zudem war die Trennung zwischen Artikeln und Blogs nicht klar genug. Dass swissinfo diese Policy überprüfen will, ist zu begrüssen. Auch dass die zeitliche Gültigkeit von Nachrichten im virtuellen Potpourri erkennbar werden muss, ist eine wichtige Lehre.
Die Aufregung um Paula O. hat den Medien drei journalistische Fallen gestellt: Erstens haben sich die brasilianischen Medien instrumentalisieren lassen, indem sie die Absicht hinter den zugespielten Informationen nicht hinterfragten. Zweitens wäre zu diskutieren, wann die Amtsgeheimnisverletzung zu den journalistischen Tugenden gehört. Der Fall hätte gar nie an die Öffentlichkeit gehört, da es sich nicht um ein Verbrechen mit politischer Tragweite, sondern um eine Irreführung der Rechtspflege handelte. Drittens zeigt sich, wie wichtig es ist, die Unschuldsvermutung zu beachten. In diesem Punkt kann man den meisten schweizerischen Medien Professionalität attestieren: Sie haben die zurückhaltenden Mitteilungen der Polizei richtig interpretiert und in ihrer Berichterstattung Augenmass bewiesen.

Judith Arnold

© EDITO 2009