AZ Medien kauft TeleZüri und TeleBärn. Und Tamedia überlegt sich nochmals, ob sie Radio 24 überhaupt verkauft. Eine Einordnung von Philipp Cueni.
Überraschung Nummer 1: Tamedia verkauft Radio 24 (noch) nicht. Überraschung Nummer 2: Die AZ-Medien kaufen von Tamedia die beiden Fernsehstationen Tele Züri und Tele Bärn.
Tamedia habe noch keinen passenden Käufer für Radio 24 gefunden, kommuniziert das Zürcher Medienhaus. Tatsächlich hat Tamedia bereits im April angekündigt, sie verkaufe nur, wenn der Käufer ein überzeugendes publizistisches Konzept vorstelle und eine gute Regelung für das Personal gewährleistet sei. Durchaus möglich ist aber auch, dass Tamedia ihre Meinung geändert hat und das Lokalradio doch in ihre Strategie passt. Denn mit Radio 24 lässt sich Geld verdienen, mit Blick auf das bevorstehende DAB-Radio erst recht. Durchaus möglich also, dass Radio 24 zu einem Sender für die ganze Deutschschweiz ausgebaut wird.
Eine sprachregionale Strategie steckt vermutlich auch hinter dem Kauf von TeleZüri und TeleBärn durch die AZ Medien. Verlagschef Peter Wanner hat mit diesem Coup überrascht. Ein Medienunternehmen, das von vielen Beobachtern als instabil eingeschätzt worden ist, kauft zu und baut mächtig aus. Das Medienhaus AZ Medien entwickelt sich durch den Kauf von TeleZüri und TeleBärn zu einem mittelgrossen Fernsehunternehmen und konsolidiert sich als eines der grossen Medienunternehmen in der Schweiz.
Wie stabil ist diese Vorwärtsstrategie? Der TV-Deal sei aus eigenen Mitteln finanziert, sagt Verleger Peter Wanner, und weitere Käufe seien wirtschaftlich durchaus möglich. Ds gilt es zu überprüfen. Sicher ist, dass sich die AZ Medien neu positioniert haben.
Das Kopfblattsystem der AZ beherrscht das Mittelland (Aargau/Solothurn) und reicht ins Baselbiet und ins Limmattal. Die AZ ist damit die drittgrösste abonnierte Tageszeitung und hat sich als Leader westlich von Zürich etabliert – mit offener Option Richtung Basel. Mit dem „Sonntag“ hat sich das Wanner-Unternehmen im Bereich der Sonntagsblätter etabliert und wagt jetzt neu einen Ausbau Richtung Basel.
Mit dem Kauf von TeleBärn und TeleZüri sind die drei führenden Regionalfernsehen von Zürich, Bern und dem Mittelland (Tele M1) in einem Unternehmen zusammengefasst. Damit besitzt die AZ-Medien die Option, über den Dreierbund und über die breite Kabelpräsenz von TeleZüri sprachregionale Programmangebote für die ganze Deutschschweiz zu entwickeln. Das heisst: In kleineren Nischen entwickelt sich mit dem Schweizer Sportfernsehen SSF, mit 3+ und dem AZ-Verbund ein kleines, buntes inländisches Konkurrenzfeld zur SRG. Von SRG-Chef De Weck ist das als willkommene Belebung begrüsst worden.
Der Verkauf von Tamedia an Wanner hat fast nur positive Reaktionen ausgelöst: Er führt TeleBärn und TeleZüri weiterhin als Regionalsender und belässt die Redaktionen an den bisherigen Standorten – was Zürich und Bern freut; er will keine journalistischen Arbeitsplätze abbauen – was die Mitarbeitenden und die Gewerkschaften freut. Mit dem Verkauf der Fernseh- und später auch noch Radiosender wird die Dominanz von Tamedia in der Schweiz etwas relativiert. Der Verkauf an ein traditionelles Medienunternehmen verhindert, dass sich politische Kreise in Medienunternehmen einkaufen. Und das Erstarken des AZ-Medienhauses relativiert etwas die Dominanz von Tamedia auf dem nationalen Markt.
Hier allerdings liegt auch der kritische Punkt des AZ-Ausbaus: Die AZ-Medien besitzen im Raum Aargau/Solothurn bei Zeitungen (AZ), Radio (Radio 32 und indirekt Argovia) und Fernsehen (Tele M1) eine sehr dominante publizistische Position.
Der Tamedia/AZ-Deal hat die Schweizer Medienlandschaft wieder ein Stück neu geordnet. Gibt es dabei auch Verlierer? Ein klarer Verlierer ist Martin Wagner, der ehemalige Mitbesitzer und Verleger der Basler Zeitung, welcher alle vier Radio- und TV-Stationen der Tamedia kaufen und eine neue Mediengruppe aufbauen wollte. Ein möglicher weiterer Verlierer ist Ringier AG: TeleZüri hätte ihr vermutlich strategische Optionen geöffnet, um ihr TV-Engagement auszubauen. Will Ringier an diesem deklarierten Ziel festhalten, muss das Medienunternehmen nach anderen Kooperationspartnern suchen. Im Free-TV wären das entweder ausländische Sender mit ihren Schweizer Fenstern oder 3+.
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