Der Dokumentarfilm „Bottled Life“ hatte diese Woche an den Solothurner Filmtagen Premiere. Thema: Nestlé und das Geschäft mit dem Flaschenwasser. Der Nestlé-Konzern hatte den Journalisten bei der Recherche jedes Gespräch und jede Antwort verweigert. Philipp Cueni sprach mit dem Regisseur Urs Schnell.
„Bottled Life“ ist ein journalistisch geprägter Dok-Film: „Etwa die Hälfte der Vorarbeit war journalistische Recherche“ sagt Urs Schnell, Regisseur und zusammen mit Res Gehriger Co-Autor des Films. Die Recherchen gingen zuerst um das Thema Wasser und Wasserwirtschaft selbst, die öffentlich zugänglichen Unterlagen von Nestlé wurden studiert, viele Unterlagen, welche NGOs und Bürgerbewegungen im Internet anbieten, gesichtet – und schliesslich kamen die Recherchen vor Ort in den USA, in Nigeria, Aethiopien und in Pakistan.
Den einen Skandal, wie Nestlé wichtige Wasserquellen der öffentlichen Nutzung entzieht, zeigt der Film. Der andere Skandal ist das Verhalten von Nestlé gegenüber den Journalisten. Nestlé weigerte sich, mit dem Filmteam zu sprechen oder auch nur schriftliche Fragen zu beantworten. Zu Beginn des Projektes suchten die beiden Autoren Urs Schnell und Res Gehriger mit Nestlé das Gespräch, weil sie deren Standpunkt in den Film einbeziehen wollten. Der oberste Kommunikationschef persönlich erklärte ihnen dann deutlich, Nestlé würde keine Infos liefern, keine Gespräche führen, keine Antworten geben. Und man werde dafür sorgen, dass das weltweit auch alle Tochtergesellschaften so durchziehen.
In Pakistan drehte das Filmteam bei einer Verteilstation von Nestlé-Wasser und sprach vorgängig mit dem Stations-Manager, der Aussenaufnahmen erlaubte. In der Folge wurde die Filmcrew aber mit Motorfahrzeugen verfolgt und blockiert. Unbekannte verlangten die Herausgabe der Filmkassetten. Schliesslich wurde die Crew zur Nestlé-Station zurückgebracht, und dort von der Polizei verhört. Dann traf der Kommunikationschef von Nestlé Pakistan, Syed Fakhar, ein und gab die Tapes wieder an die Film-Crew zurück. Fakhar begründete die ganze Aktion mit Nestlés Angst vor Terroranschlägen und versprach, man werde für ein Interview zur Verfügung stehen. Zu diesem Interview kam es aber nie.
Diese Episode erzählt uns Urs Schnell – im Film ist sie nicht zu sehen. Der Film verzichtet auf Spektakel und auch auf eine Inszenierung von erfolglosen Interviewversuchen à la Michael Moore.
Das Verhalten von Nestlé gegenüber den Journalisten und der Öffentlichkeit ist erschreckend und arrogant. Die sonst zurückhaltende SDA schreibt in einer Filmbesprechung, durch den Journalisten-Boykott der Nestlé-Leute werde der Dokfilm „zum PR-Desaster für den Weltkonzern“.
Die Dok-Filmer gehen mit der Verweigerung von Nestlé souverän um: sie stellen die Haltung von Nestlé trotzdem dar, indem sie Ausschnitte von offiziellen Nestlé-Statements hinein schneiden. Damit geben sie der Gegenseite soweit möglich das Wort. Die Realität, die der Film darstellt, dekonstruiert die Ausführungen von Nestlé und ihres VR-Präsidenten Peter Brabeck dann sachlich.
Als Nestlé den Filmautoren mitteilte, man werde jegliche Infos abblocken – „das ist das falsche Filmthema zur falschen Zeit“ – bot der Multis den beiden Journalisten aber eine Alternative an: Sie sollen doch einen Film über das Thema „Landwirtschaft und Wasserverschwendung im Punjab“ machen, bezahlt von Nestlé. Die beiden Journalisten liessen sich nicht kaufen.
„Bottled Life“ wurde wesentlich durch drei öffentliche Fernsehanstalten finanziert, die SRG, Arte und den WDR. Die SRG hätte ja befürchten können, ein solcher Film verärgere den mächtigen Schweizerischen Weltkonzern und Werbekunden Nestlé. Offensichtlich entscheidet die SRG über solche Projekte unabhängig von kommerziellen Überlegungen. Gut so. Denn wer sonst soll solche Recherchen finanzieren? Die Filmförderung des Bundes zum Beispiel war zwar mit 25'000 Franken bei der Entwicklung des Projekts dabei, lehnte dann aber zwei Produktionsgesuche (nicht aus politischen Gründen) ab.
Der Film ist ein gutes Beispiel, wie Fakten ohne jegliche Polemik anklagen können. Durch die Recherche-Anlage nimmt der Dok eine Haltung ein, stellt die Botschaften der kritisierten Nestlé aber trotzdem sachlich dar. „Unsere wichtigsten Fragen an Nestlé kann man auf unserer Website (www.bottledlifefilm.com) lesen. Und sie sind immer noch nicht beantwortet. Möglich, dass Nestlé jetzt, wo über den Film berichtet wird, Stellung nimmt. Das wäre zwar interessant. Wir wünschen uns aber nicht nur Statements, sondern eine Diskussion zum Thema“, sagt Filmautor Urs Schnell.
"Bottled Life", ein Film von Urs Schnell und Res Gehriger. Der Dokumentarfilm läuft ab 26. Januar in den Deutschschweizer Kinos an.
© EDITO+KLARTEXT 2012 |