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20 JAHRE FRAUENSTREIK – Hei Frauen, was soll das? Das lockt doch keinen Mann hinter dem Ofen hervor.
Und euch Frauen? Ihr wollt ja sowieso nicht mehr richtig streiken, nur an den Streik erinnern.
Das dachte ich spontan, als ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal von der heutigen Jubiläumsveranstaltung hörte.

Nein, das stimmt nicht mal. Ich hab mir überhaupt nicht viel dabei gedacht. Die Ankündigung „20 Jahre Frauenstreik“ löste bei mir nichts aus. Keinen Protest, nichts. Warum? Mein erstes, ziemlich verinnerlichtes journalistisches Selektionskriterium läuft immer gleich ab:

– wenn ich das Gefühl habe, dass etwas heiss ist, oder heiss werden könnte,
– wenn ich das Gefühl habe, dass das Thema zu reden gibt,
– weil es einen Nerv berührt,
– weil es polarisiert
– und auch die Menschen bewegt, die nicht im Aktionskomitee sitzen, die nichts mit der Organisation des Anlasses zu tun haben,
– sondern ganz einfach, weil es um etwas geht, dann habe ich dafür eigentlich in der Regel eine sehr gute Nase.

Eigentlich. Aber diesmal verliess mich meine Nase. Irgendwie hatte ich sie nicht richtig im Wind.

Kommen wir zur Sache.
Erst, als mir die engagierte Juso-Frau Andrea Arezina, die erfolgreich die nationale Unterschriftensammlung für die wichtige 1:12-Lohninitiative organisiert hatte, mindestens drei Mal auf die Combox sprach, reagierte ich. Der Grund ist banal. Ich wurde bewegt, weil der Frauenstreik eine lokale, politische Dimension bekam: Andrea erzählte mir, dass sie für den VPOD einen Frauenstreik-Anlass in Olten organisiere. Und zwar war dieser Anlass hier zuerst im neuen städtischen Begegnungszentrum Cultibo geplant gewesen. Wurde aber nicht bewilligt. Die Frauenstreik-Frauen wurden –ich glaub sogar nach anfänglicher Einwilligung – vor die Tür gesetzt. „Geht nicht. Frauenstreik hat nichts mit dem Quartier zu tun“ und anderer Blödsinn wurde als Argument gebracht.

Wohlverstanden, dieses Cultibo gibt es, weil dieser Stadtteil hier – rechts der Aare –lautgescheiten Studien des Bundes ein national anerkanntes „Problemquartier“ ist. Ihr könnt Euch sicher denken wieso. Hoher Ausländeranteil und viele Kebab-Stände machen Statistikern Angst. Nur, das Quartier selber fand es eigentlich weniger lustig, als „Problemquartier“ abgestempelt zu werden –und forderte letztes Jahr an einem Workshop von der Stadt sicherere Strassen für Velofahrerinnenund Fussgänger sowie eine aktivere Liegenschaftspolitik der Stadt, die Spekulanten den Boden entzieht, Bürgerinnen günstigen, aber nicht verslumten Wohnraum gibt und dem Gewerbe Ladenflächen zu vernünftigen Preisen. Allesamt gute, konkrete Forderungen.
Diese Forderungen zu erfüllen ist anspruchsvoll. Deshalb kann man die Stadt gut verstehen, dass sie zuerst einmal etwas Einfacheres realisieren wollte – und sie schenkte dem Quartier ein Begegnungszentrum. Und damit das Ganze nicht aus dem Ruder läuft, gleich noch einen Quartierentwicklungsverantwortlichen und einen Begegnungszentrumsleiter mit einem Trägerverein aus allen Parteien dazu.
Dieses Cultibo soll laut Prospekt zum „Herz des Stadtteils rechts der Aare werden“. Mehr noch: „Es fördert die Begegnung und das Kennenlernen im Quartier und trägt so zur sozialen Integration der Bewohnerinnen und Bewohner bei.“ Ob das was mit Frauen zu tun hat?
Damit noch nicht genug: „Das Zentrum ist auch eine Plattform für kulturelle, kreative und allgemein bildende Betätigungen.“Ob das nicht doch was mit dem Frauenstreik-Tag heute zu tun haben könnte?
Keine Angst. Diese Sätze aus dem Prospekt sind nur Beruhigungspillen. Cultibo war nur als Beruhigungszentrum, als „Cultiboring“ als Zentrum zur Beruhigung des Quartiers gedacht. Ehrlich gesagt: Ich habe es zuerst nicht geglaubt:
– dass Cultibo schon streikt, wenn Frauen nur schon über einen Streik nachdenken wollen.
– dass Lohngleichheit und Frauenstreik in öffentlichen Räumen immer noch tabu sind, dort nichts zu suchen haben, dort nicht zur Diskussion stehen.

Auch mein Freund, der SP-Präsident Alex Capus hat es zuerst nicht geglaubt. Doch dann meldete er mir: „Es stimmt. Die wollen das nicht. Auch die von unserer Partei im Trägerverein wollen das nicht.“ Die staatlich verordnete Medikamentenabgabe Cultibo wirkt: Man will jetzt nicht mit einem solch gefährlichen Frauen-Anlass das Volk aufwiegeln, das zarte Pflänzlein Begegnungszentrum könnte sonst noch Schaden leiden.

Ja. Darum habe ich heute Ja gesagt zu dieser Rede. Weil es um Räume geht.
Und gerade weil ich es wichtig finde, dass es Räume gibt, in denen etwas passiert, ohne dass es der Staat sanktioniert, gibt es auch das Flügelrad (Restaurant, Red.).

Und wenn es wirklich immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen öffentlichen Raum besetzen, stimmt immer noch vieles nicht. Punkt. Ich gebe es gern zu: Das Cultibo-Nein zum Frauenstreik hat mich aufgerüttelt. Und was mich noch mehr nervt: Dass selbst linke Frauen diese Ausgrenzung gut meinend irgendeinem Kompromiss zuliebe durchwinken.

Ich wette nämlich eine Kiste Bier, dass der Cultibo-Trägerverein umgekehrt freudig Ja sagen würde, wenn die SVP der Stadt Olten einen Jassnachmittag mit Silvia Blocher im Cultibo machen wollte. Dann wäre die Integration gelungen, würde es heissen. „Schaut mal, selbst die Rechten machen mit“. Aber linke Frauen und ein ehemaliger Blick-Chefredaktor, nein das geht wirklich zu weit.

Es geht um Präsenz im öffentlichen Raum. Ganz besonders auch beim Thema Frauen im Journalismus.
Und hier war ich ein zweites Mal überrascht. Selbst in der Männerriege der Schweizer Chefredaktoren hört man heute neue Töne. Noch gestern Abend sagte mir Peter Rothenbühler, Ex-Chefredaktor der „Schweizer Illustrierten“ und der welschen Boulevardzeitung „Le Matin“: „Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, aber die Lohnungleichheit ist ein Faktum. Auch in unserer Branche.“
Warum? Ich weiss es nicht. Kann es aus meiner eigenen Zeit als CR des BLICK nur erahnen: Und es tönt aus Männermund immer entweder etwas blöd oder unbeholfen. Aber meine persönliche Erfahrung ist so:
Dass Frauen bei der Anstellung den Wert ihrer Arbeit immer zu tief veranschlagen. Ich kenne keinen Fall, bei dem eine Frau bei einer Bewerbung mehr verlangt hätte, als ihre männlichen Mitbewerber – und ich habe auch jetzt bei den azMedien noch von keinem solchen Fall gehört!
Später, ja später, sobald sie dann drin sind, merken die Frauen es dann schon, dass sie weniger verdienen, weil sie von Anfang an weniger geblendet haben. Und wer sich einmal zu billig verkauft hat, bleibt meist immer zu billig. So funktioniert der Kapitalismus.

Noch immer fehlt den Frauen eine Portion Unverfrorenheit. Es geht immer um die letzten fünf Prozent. Es geht darum, dass jede frau auf jeder Stufe klarmachen muss, dass sie dem Unternehmen so überdurchschnittlich viel gibt, dass es nicht mehr als recht ist, wenn sie dafür auch überdurchschnittlich viel bekommt. Das ist keine Frage der Überheblichkeit, sondern des Respekts vor der eigenen Leistung.
Deshalb gebe ich Euch Rothenbühlers pointierten Rat an angehende Chefredaktorinnen gern auch noch weiter: Nehmt Euch als Chefredaktorin am besten zwei Männer als Stellvertreter, die arbeiten dann für euch Tag und Nacht und Ihr habt so genügend Zeit für die wirklich wichtigen Fragen, für die strategische Fragen –und dazu braucht es auch Zeit für Musse - trotz Partnerschaft und Familie! Sandra Jean, die neue Chefredaktorin im Boulevardblatt „Le Matin“ scheint mit diesem „Männer als Stellvertreter“-System jedenfalls gut zu fahren.

Auch die Chefredaktorin von „Le Matin Dimanche“ ist übrigens eine Frau. Und auch in den USA fallen die Männerbastionen jetzt zuhauf. Die wichtigste Internet-Zeitung „Huffington Post“ ist das Werk einer Frau, Ariana Huffington. Das renommierte Nachrichtenmagazin Newsweek hat mit Tina Brown jetzt eine Frau an der Spitze und auch das 160 Jahre alte Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, die New York Times ist ab September mit der Recherchier-Journalistin Jill Abramson in den Händen einer Frau.

In den Deutschschweizer Medien hingegen hapert es noch gewaltig mit Frauen in den Chefetagen. Warum? Auch hier kann ich nur aus meiner eigenen Praxis berichten: Seit 1998 bin ich Mitglied in Chefredaktionen: Nur selten ist es mir gelungen, Frauen dazu zu bewegen in Positionen des oberen Kaders zu kommen.
Warum?
Die meisten fanden es schlicht und einfach nicht erstrebenswert, 12 bis 16 Stunden am Tag zu arbeiten und nie mehr an was anderes zu denken.
Aber genau hier entsteht in jüngster Zeit ein neuer, interessanter Anknüpfungspunkt im Kampf der Geschlechter. Der unheimliche Rationalisierungs-und Spardruck hat jetzt auch bei den Männern soviel Leidensdruck aufgebaut, dass immer mehr Männer des mittleren und neuerdings auch des oberen Kaders genug haben.

TEILZEIT-ARBEITEN ist plötzlich auch für Kadermänner kein Tabu mehr, keine ideologische linke Sache mehr, sondern eine Frage des würdigen Überlebens am Arbeitsplatz. Auch Männer wollen eine Worklife-Balance, Zeit zum Nachdenken, zum strategische Entscheide fällen. Das ist neu. Ebenso, dass Frauen den Männern dabei helfen wollen, diese Teilzeit-Forderung durchzubringen. Das ist spannend.

Und noch etwas ist neu: Die vier Frauen im Bundesrat haben doch etwas bewegt. Sie machen Politik. Mit dem Atom-Ausstieg über die Köpfe der Strombarone hinweg, mit den Eigenmittelvorschriften über die Köpfe der Bankmächtigen hinweg. Und es tönt erst noch verdammt cool, wenn Eveline Widmer-Schlumpf über UBS-Präsident Kaspar Villiger in der NZZ sagt: „Ich verstehe seine Haltung in dieser Angelegenheit nicht, und er versteht meine nicht. Und wenn die gleiche Eveline Widmer-Schlumpf in der Neuen Luzerner Zeitung auch dem UBS-Chef Oswald Grübel die kalte Schulter zeigt: „Ich kenne Herrn Grübel und seine Psychologie nicht.“

Ich kenne Oswald Grübel und seine Lust an der Macht. Ich habe selber erlebt, wie er mit seiner Machtschau jedes Jahr beim CS-Weihnachtsessen über hundert sogenannt kritische Finanz-Journalisten mit derben Seitenhieben in seinen Bann schlug. Mich inklusive. Umso mehr ziehe vor EWS den Hut.
Ich bin überzeugt, die neue Frauenbewegung muss nicht Cultibo erobern. Wenn Frau will, steht Cultibo schnell einmal still. Nicht nur heute Abend. So ist Cultibo nur ein Ablenkungsraum. Nein, ihr müsst den Kampf um die Köpfe gewinnen. Und da habt ihr jetzt die besten Karten. Denn der Kampf um die Aufmerksamkeit ist heute keine Fragemehr eines einzigen Kanals, wo eine Handvoll Männer ihre Meinung top-down von oben nach unten den Lesern weitergeben.
Nein, heute in Zeiten von Facebook und Twitter per iPhone und iPad ist Zuhören ebenso gefragt. Leser sind in den social Media neu user und wollen als Mitgestalter der Medien ernst genommen und nicht länger mehr belehrt werden. Und für Journalistinnen und Journalisten ist die wichtigste Fähigkeit in der Zukunft der Medien deshalb die Fähigkeit zum Multi-Tasking. Und da habt ihr Frauen tausendfachen Vorsprung aus Tausend Jahren Erfahrung.

Olten, im Flügelrad am 14. Juni 2011
wds



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